AL-Logo

Selma Meerbaum-Eisinger


 

 Startseite
- - - - - - - - - - - -

 Selbstdarstellung
 Kontakt
 AL-Info
- - - - - - - - - - - -

 Antifaschismus
 Antimilitarismus
 Antirepression
 Bildungspolitik
 Biopolitik
 Kultur
 Ökologie
 Soziales
- - - - - - - - - - - -

 StudentInnenschaft
 AStA
- - - - - - - - - - - -

 Service
 Termine
 Links
- - - - - - - - - - - -

 AL-Archiv
 Suche

Selma Meerbaum-Eisinger Selma

"Ich bin in Sehnsucht eingehüllt"
Mittwoch, 12. Mai 2004, 18 Uhr
S91, Philosophikum


"Ich bin in Sehnsucht eingehüllt"
Lyrik von Selma Meerbaum-Eisinger

geboren am 15. August 1924 in Czernowitz (Rumänien)
gestorben am 16. Dezember 1942 im SS-Arbeitslager Michailowska

von und mit Dorothea Mewes
Musik: Anna Lindblom

VeranstalterInnen:
- Fachschaft Geschichte
- Alternative Liste
- Piccolo-Theater

"... Wärme, Wehmut, Sehnsucht und Zärtlichkeit - eingefangen in kraftvolle, liebevolle, wütende, trauernde Worte, eingefangen in sanfte und schroffe Klänge. Die Atmosphäre erzeugenden Gedichte wurden umhüllt von der Musik Anna Lindbloms. Mit Bandonika, Klarinette, Wassergläsern, Blechen, Klanghölzern, Hirtenflöte begleitete sie Dodo Mewes einschmeichelnde, bittende, zarte, böse und melancholische Stimme. Zum Teil selbstvertonte Verse und jiddische Volkslieder rundeten das Programm ab, daß das Publikum über eine Stunde in seinen Bann zog. Nicht nur wegen der weichen Melancholie, sondern auch wegen dieser unbändigen Lebenslust, die aus Texten und Musik sprach. Eine Lebenslust, die den nahen Tod registrierte, aber nicht wahr haben wollte ..." (Halberstädter Tageblatt)

Den Einladungsflyer gibt es auch im pdf-Format.


"Ich bin in Sehnsucht eingehüllt" ...

Selma Buch

... gibt es auch als Buch
(broschiert, 92 Seiten, Fischer (Tb.),
Frankfurt am Main, 2003)
im Buchhandel oder z.B. bei amazon.de.




Spurensicherung

von Jürgen Serke

Weit entfernt von Deutschland, in Czernowitz, einer Stadt im Osten. Darin lebte ein Mädchen, das Gedichte über eine Liebe schrieb, die mehr ein Traum denn Wirklichkeit war. Es war die erste Liebe, zu einem jungen Mann und zu einer Sprache, die nicht die Landessprache Rumänisch war. Deutsch nannte das Mädchen sein eigen.

Selma Meerbaum-Eisinger war eine Jüdin.

Deutsche nahmen ihr die Freiheit, Deutsche nahmen ihr das Leben.

Sie starb am 16. Dezember 1942 im deutschen Arbeitslager Michailowska jenseits des Bug. Sie war 18 Jahre alt und wurde irgendwo verscharrt. Dem Tod den Anspruch auf Leben entziehen.

Was übriggeblieben und auf abenteuerliche Weise von Leidensgefährten gerettet worden ist, sind 57 Gedichte. Gedichte, die ein Stück Weltliteratur sind, aber die Welt kennt sie nicht. Wer in Zukunft von Anne Frank spricht, wird auch von Selma Meerbaum- Eisinger sprechen müssen. Wie von zwei Schwestern, von denen die eine dokumentierte, was die andere dichtete. Das Tagebuch der Anne Frank, im holländischen Versteck verfaßt, und die Gedichte der Selma Meerbaum-Eisinger gehören zusammen. Anne Frank, die 15 Jahre alt wurde, kam im März 1945 im KZ Bergen-Belsen um. Sie starb an Typhus, wie Selma zwei Jahre zuvor, 2000 Kilometer weiter östlich. Gewidmet ist Selmas Gedichtband dem ein Jahr älteren Lejser Fichman, den sie in der zionistischen Jugendbewegung kennengelernt hatte. Eine Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann, der sich zielbewußt auf seine Auswanderung nach Palästina vorbereitete, und einem Mädchen, das bei aller Träumerei das Glück in Czernowitz wollte, das greifbare Glück. "Und hast du auch tausend Sterne in der Hand - sie kann noch zehnmal tausend tragen" heißt es in einem ihrer Gedichte. Sie sprechen von ihrer Liebe und von der Ahnung, das sich nichts erfüllen wird. Sie erzählen die Geschichte einer jungen Frau, die sich auf das Leben versteht, und eines jungen Mannes, der das Leben in die Zukunft verlegt. Das bessere Leben in Palästina.

Selma und der Versuch, eins zu werden mit Lejser Fichman durch die Worte hindurch. In Gedichten, die der Freude ihren Glanz geben, dem Wahren seine Gewißheit und der Trauer ihre Endgültigkeit.

"Selmas Gedichte sind ein Stück Weltliteratur, aber die Welt kennt sie nicht!"

Rose Ausländer

"Es sind Gedichte, die man weinend vor Aufregung liest: so rein, so schön, so hell und so bedroht."

Hilde Domin

"Poem", geschrieben am 7. Juli 1941

Die Bäume sind von weichem Lichte übergossen,
im Winde zitternd glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig-blau und glatt
ist wie ein Tropfen Tau vom Morgenwind vergossen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschlossen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond aufs Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.
Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie aufs neue blühn.
Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf micht.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
er sagt mir, daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.
Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein! Nein.
Das Leben ist rot.
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.
Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?
Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
 Worauf?
      Hauf um Hauf
      sterben sie.
      Stehn nie auf.
      Nie und nir.
      Ich will leben.
      Bruder, du auch.
      Atemhauch
      geht von meinem und deinem Mund.

      Das Leben ist bunt.
      Du willst mich töten.
      Weshalb?
      Aus tausend Flöten
      weint Wald.

      Der Mond ist lichtes Silber im blau.
      Die Pappeln sind grau.
      Und Wind braust mich an.
      Die Straße ist hell.
      Dann...
      Sie kommen dann
      und würgen mich.
      Mich und dich
      tot.
      Das Leben ist rot,
      braust und lacht.
      Über Nacht
      bin ich tot.

      Ein Schatten von einem Baum
      geistert über den Mond.
      Man sieht ihn kaum.
      Ein Baum.
      Ein
      Baum.
      Ein Leben kann Schatten werfen
      über den Mond.
      Ein
      Leben.
      Hauf um Hauf
      sterben sie.
      Stehn nie auf.
      Nie
      und
      nie.

mmmmmmmmm mmmmmmm mmmmmm mmm mmm mmm mmm mmm mmmm mmm mm mmm mmm mmmm mm mm mmmm mm mm
   

Netzseiten der Alternativen Liste, zuletzt aktualisiert am 09.04.2004. Kontakt: AL-Plenum@uni-koeln.de